Unter Menschen und doch ganz alleine – eine Nacht auf dem Friedhof

Unter Menschen und doch ganz alleine – eine Nacht auf dem Friedhof

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Daniel war nach Mitternacht allein auf einem Ludwigshafener Friedhof und entdeckte einen friedlichen Ort. Ein Selbstversuch.

Es ist 23:50 Uhr und ich stehe vor dem Friedhof. Ich befinde mich unter einer Straßenlaterne und blicke in das Dunkle und Unheimliche des Friedhofs.

Ich rede mir schon seit zehn Minuten Mut zu, denn ich habe große Angst. Mein Körper arbeitet gegen meinen Kopf, aber schließlich zwinge ich meine Füße einen Schritt hinein zu tun in das Unbekannte.

Es ist nun 24 Uhr. Der Friedhof ist von einer zwei Meter hohen Mauer und Sträuchern umrahmt. Ich schleiche auf einem Kiesweg, der lauter knirscht als mir lieb ist. Ich zittere und schwitze und mein Atem geht schneller als nach einem 500 Meter Sprint. Es ist auch noch Vollmond, der Wind zieht kalt um die Gräber und ich erkenne nur Umrisse, da überall Bäume die Sicht verdunkeln.

Es ist 24:05 Uhr und ich bin gerade einmal 50 Meter vorwärts gekommen. Das Denkmal vor mir gibt mir Sicherheit und ich mache hier eine Pause um mich zu akklimatisieren.

Ich gehe weiter. Mein Herz pocht nicht mehr so wild, aber mein Atem geht immer noch schnell.

Vor mir liegen jetzt die ersten Gräber und in etwa 40 Meter Entfernung leuchtet ein rotes Licht. Ich beschließe mich heranzuschleichen und die Ursache für das Flackern herauszufinden. Entwarnung! Ich bin ein Idiot! Ich habe ganz vergessen, dass auf Gräbern oft diese roten Grablichter gestellt werden. Die Kerze leuchtet für Katharina 1999-2015. Es befinden sich nur vereinzelt Bäume in diesem Bereich des Friedhofs und der Mond kommt hinter Wolken hervor. Es ist 24:30 Uhr und ich sehe immer besser und gehe tiefer in den Friedhof hinein. Den Weg neben mir umranden Grabsteine und vereinzelt ist eine Lampe oder eine Blume zu sehen.

Ich schleiche nicht mehr, sondern laufe aufrecht und nähere mich einem Lichtermeer. Das Grab vor mir hat sieben Kerzen und vermittelt mir Frieden und Geborgenheit.

Ich laufe in die Richtung einer Mauer, in der sich viele Urnengräber befinden. Plötzlich höre ich ein Geräusch in der Stille, das nicht von mir erzeugt wurde. Ich zucke zusammen, sage ein paar unschöne Worte und mein Körper ist sofort wieder auf Adrenalin, aber der Vogel, welcher aus dem Gebüsch neben mir geflogen kommt, ignoriert mich und sein Krächzen hört sich an als ob er mich auslachen würde.

Ich setzte mich davor und merke, wie sich mein Körper entspannt. 1 Uhr, ich muss weiter, auch wenn es mir hier sehr gut gefällt. Während der Pause ist mir aufgefallen wie still es ist. Die Mauer und die Sträucher um den Friedhof fangen den Lärm der Stadt ab und bis auf die Geräusche, die ich erzeuge, ist nichts zu hören. Der Wind hat sich gelegt. Nein, mein Körper fröstelt bloß nicht mehr, es ist genauso windstill wie die ganze Zeit schon.

Ich lache über meine Ängstlichkeit um meine Anspannung wieder zu lösen. Es ist jetzt 1:30 Uhr und ich fühle mich immer wohler.

Ich suche nach einem Ort, an dem ich ein bisschen verweilen kann. Ich entdecke eine Bank und setze mich. Je länger ich sitze desto wohler fühle ich mich. Hinter mir liegt eine offene Wiese, vor mir liegen Gräber, manche mit roten Grablichtern, manche mit schönen Blumen, deren Farben im Licht des Vollmonds nur angedeutet sind.

Neben mir sind Bäume.

Es geht mir gut, mein Körper ist sehr entspannt und es ist mir warm. Ich mache ein Foto, lösche es aber sofort wieder. Ich wollte diesen, fast schon romantischen, Ort anderen Menschen näherbringen, aber ein Foto wird dem nicht gerecht. Es ist 2 Uhr. Es fällt mir schwer die Einzigartigkeit und Schönheit dieses Ortes zu beschreiben. Ich fühle mich geborgen, der Mond und die Grablichter geben mir Frieden und ich bin total entspannt. Ich kann gut nachdenken, da an diesem Ort nichts ablenkt und ich merke, wie ich immer wieder ins Grübeln über die Bedeutung des Lebens allgemein und ins Grübeln über mein eigenes Leben komme.

Es ist 3 Uhr. Im Baum neben mir haben mehrere Vögel angefangen zu singen und ich habe es aufgegeben diesen Ort und Moment in Worte zu fassen, sondern genieße es einfach nur noch.

Ich glaube man muss es selbst erlebt haben, um es zu verstehen. Nun ist schon 3:30 Uhr. Ich mache mich langsam auf den Weg zum Ausgang und ziehe ein erstes Fazit für mich. Meine anfänglichen Ängste und Erwartungen, sowie die Reaktionen meines Körpers, waren völlig übertrieben und unbegründet. Der Friedhof ist meiner Meinung nach bei Nacht kein unheimlicher und gefährlicher Ort, sondern ein schöner, andächtiger und respektvoller.

Zum Beispiel laufe ich gerade an einem Gießkannenständer vorbei und die Gießkannen sind nicht alle Grün und Grau, sondern von Pink bis Blau sind alle Farben vertreten.

Ich werde das Grab meiner Oma auf jeden Fall einmal bei Nacht besuchen, um echte und ungestörte Zeit mit ihr verbringen zu können und ich werde ihr ein rotes Licht anzünden, damit sie anderen nächtlichen Besuchern leuchten kann und vielleicht bist das dann ja du.