Die Stadt bei Nacht - alles schläft?

Von Schichtarbeiterinnen und Nachtschwärmern in Ludwigshafen

Von Regina Heilmann, Andrea Lutz-Kluge, Urs Südhof

  • Ein Projekt mit Bürgerinnen und Bürgern in Ludwigshafen
  • Eine Kooperation des Stadtmuseums Ludwigshafen und der Hochschule Ludwigshafen am Rhein

Die Stadt bei Nacht als populäres Sujet

Die Stadt bei Nacht ist ein populäres Sujet und in zahlreichen Liedern besungen, Bildern gemalt, Gedichten in Worte gekleidet worden: Da ist von Licht und Glanz wie auch Schatten und Dunkelheit die Rede, von der Stadt, die niemals schläft, da sind die Vergnügungen und Verlockungen beschrieben, Musik und Tanz, beschwipst fröhliche Nachtschwärmer wie auch Erfahrungen von Einsamkeit und Melancholie. Die Stadt bei Nacht, das ist Abenteuer, das ist Rausch und Ekstase, Liebe, Sex, Drogen, aber auch Angst und Gefahr, Milieu und Verbrechen. Die Stadt bei Nacht, wenn sie frei assoziiert wird, ist immer eine Großstadt, ist immer irgendwie Paris, Berlin oder New York.

Ludwigshafen bei Nacht?

Wie aber sieht es aus in Ludwigshafen bei Nacht? Wie lässt sich in einer eher provinziell gelegenen, mittelgroßen Stadt die Nacht erfahren und beschreiben? Ein Jahr lang arbeiteten Studierende an dem Stadtforschungsprojekt „Ludwigshafen bei Nacht“, welches als quasi „Auftragsarbeit“ seitens des Stadtmuseums Ludwigshafen an die Hochschule herangetragen worden ist. Die Studierenden im B.A.-Studiengang „Soziale Arbeit“ hatten so Gelegenheit, mit finanzieller und infrastruktureller Unterstützung seitens des Stadtmuseums sowie konzeptioneller und inhaltlicher Unterstützung durch Einbindung in eine Lehrveranstaltung an der Hochschule Ludwigshafen zu „Soziokultur in der Gemeinwesenarbeit“ ein eigenes Konzept für eine Ausstellung zum Thema „Ludwigshafen bei Nacht“ zu entwickeln und zu realisieren.

Ziel des Projektes war es, herauszufinden, wie Ludwigshafen bei Nacht von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern wahrgenommen wird: Wie erleben alte oder junge Menschen die nächtliche Stadt, wie Frauen, wie Männer? Wie sieht die Nacht in jeweils verschiedenen Stadtteilen aus? Wie stellt sich die Stadt für Nachtschichtler dar, wie für Partygänger? Und auch: Wie hat sich das Nachtleben der Stadt über die Jahrzehnte verändert?

Die Studierenden sind losgezogen und haben recherchiert: Sie sind nach Mitternacht durch verschiedene Ludwigshafener Stadtteile gewandert, sie haben Passantinnen und Passanten zu deren nächtlichen Unternehmungen befragt, sie haben mit Menschen, die nachts arbeiten, Interviews geführt. Sie haben Protokolle gefertigt, fotografiert, gefilmt, Notizen und Tonaufnahmen gemacht.

Ein partizipatives Projekt mit Bürgerinnen und Bürgern

Die Idee war, ein partizipatives Konzept zu entwickeln, so dass nicht nur die Wahrnehmungen und Bewertungen der Studierenden zur Darstellung gelangen würden, sondern vor allem die der Ludwigshafenerinnen und Ludwigshafener selbst. Dieser Anspruch ist wesentliches Merkmal einer soziokulturellen Arbeit, welche Raum und Anlass für Begegnung und Austausch von Menschen in kommunalen Nachbarschaften herstellt und so das soziale Miteinander unterstützt und (stadt-)gesellschaftliche Entwicklungen reflektierend begleitet.

Die Studierenden entschieden sich für die Herstellung eines virtuellen Raums in Form des Blogs www.stadtbeinacht.de. Verschiedenste Beiträge konnten hier versammelt werden und so mit der Zeit ein facettenreiches Bild von Ludwigshafen bei Nacht entstehen. Mit einigen ersten Recherchearbeiten stellten die Studierenden ihr Vorhaben im November 2016 der Öffentlichkeit vor. Es gab ein Pressegespräch und zahlreiche interessierte Ludwigshafenerinnen und Ludwigshafener fanden sich zur „Kick-Off“-Veranstaltung in der Skybar im Hotel Exelsior ein, im Rahmen derer der Blog online gestellt wurde. Die im 17. Stockwerk eines Hochhauses beheimatete Gastronomie bietet einen fantastischen Panorama-Blick auf Ludwigshafen bei Nacht und trug zu einem animierenden Auftakt zur Erforschung der Nacht in dieser Stadt bei.

Ergebnisse

Nach einer Laufzeit von mehreren Monaten waren auf der digitalen Plattform 20 Beiträge zu Ludwigshafen bei Nacht eingestellt worden. Es handelt sich um eine bunte Mischung von Beiträgen, manche sachlich, andere poetisch, die einen bestehend nur aus ein paar Fotos, andere aus umfangreichem Textmaterial. Alle Beiträge aber zeugen von hohem Engagement und gewähren Einblicke in Lebenswelten, die vielen Bürger_innen sonst eher nicht sichtbar sind. In mehreren Beiträgen kommen Menschen zu Wort, die nachts arbeiten, bei der BASF oder im Dönerladen, als Taxifahrer, Altenpflegerin oder Nachtportier im Europa-Hotel. Öffentliche Räume werden zu Nachtzeiten erkundet, so z.B. der Berliner Platz und die Konrad-Adenauer-Brücke und der nächtliche Verkehr zwischen Ludwigshafen und Mannheim. Die nächtlich urbane Infrastruktur wird erprobt, z.B. mit einer Fahrt im Nachtbus Nr. 97 bis zur Endstation Oppau oder mittels teilnehmender Beobachtung in einer bis in die Morgenstunden geöffneten Burger-King-Filiale. Ein Berichterstattung aus dem Musikpark ist ebenso dabei wie die Erkundung einer typischen Ludwigshafener Eckkneipe, der „Laterne“ in der Maxstraße. Es wird eine Übernachtungsstelle für obdachlose Personen besucht, ein Nachtspaziergang spezifisch aus Frauen-Perspektive und ein Selbstexperiment mit einem Besuch nach Mitternacht auf dem Friedhof unternommen. Zwei Studentinnen wollten herausfinden, ob die Stadt jemals schläft und fotografierten eine ganze Nacht lang im Minutentakt die Fensterfassade des Mosch-Hochhauses: Ein Fenster mindestens war immer erleuchtet. Ludwigshafen schläft also niemals ganz.