Die Nacht der wandelnden Vorurteile

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Hast du dich schon einmal gefragt, wie eine Nacht in einer Burger King-Filiale aussieht oder welche Menschen sich dort herumtreiben? Hatten wir uns auch noch nicht. Deshalb haben wir uns eine Freitagnacht sechs Stunden lang, als einfache Kunden getarnt und über unseren Besuch Protokoll geführt.

Die Fitnessstudio Fastfood Verschwörung

Es ist ziemlich anstrengend, wenn man versucht bewusst alle Eindrücke aufzufangen und zu notieren. Anfangs fühlen wir uns noch recht wohl. Wir bestellen etwas zu essen, setzen uns hin und unterhalten uns. Natürlich benutzen wir Coupons, die eigentlich nur dafür sorgen, dass wir mehr zu essen bestellen als wir Hunger haben. Die Erfahrungen zeigen, wir lernen nie daraus. Die Möglichkeit für nur ein paar Cent mehr einen extra Burger zu bekommen ist einfach zu verlockend. Doch wir bekommen die Quittung. Die Bäuche spannen und das Unwohlsein setzt ein. Schon wieder überfressen. Der Kreislauf schließt sich an mit dem Wunsch, am nächsten Tag in ein Fitnessstudio zu rennen um das Gewissen zu beruhigen. Das ist bestimmt eine geheime Fitnessstudio-Fastfood-Verschwörung. Garantiert! Oder auch nicht…

Jedenfalls sind Verschwörungstheorien gerade "in". Achtet mal darauf. Der Kunde, der um 23:14 Uhr die chili cheese Nuggets bestellt hat ist bestimmt ein Echsenmenschen-Späher aus Neuschwabenland und infiltriert die BRD GmbH auf Antrag der Reichsbürger ... oder vielleicht auch nicht.

Eine schockierende Erkenntnis!

Kommen wir lieber wieder zu dem Punkt warum wir hier sind. Was erlebt man zu so später Stunde im Burger King in der Bruchwiesenstraße? Sicher, man kann dort essen gehen, sich mit Freunden treffen und sich unterhalten. Aber passiert dort noch mehr?

Bestimmt passiert dort noch mehr. Der "soziale Brennpunkt" ist ja nicht weit. Hier müssen Dinge passieren die für Sozialarbeiter super interessant sind. Zumindest ist das zu erwarten. RTL hat uns doch gezeigt wie es in einem "sozialen Brennpunkt" zugeht. Das muss wahr sein. Es läuft ja schließlich im Fernsehen. Der Ruf der Bayreuther Straße gibt sein Übriges dazu. Komisch. Doch irgendwie verhalten sich die Menschen hier ganz "normal", zumindest nicht besonders auffällig.

Wenn wir so darüber nachdenken wird uns klar, dass unser Blickwinkel sehr stark von Kategorien, Vorurteilen und Schubladen beeinflusst wird.  Sozialer Brennpunkt bedeutet meist auch Menschen mit wenig Geld und Burger King ist nicht gerade die billigste Nahrungsquelle. Wir sind ganz schockiert über die Erkenntnis, wie vollgestopft wir mit Vorurteilen sind, obwohl wir doch schon seit drei Jahren daran rumstudieren, diese abzubauen. Hat wohl noch nicht geklappt.

» Vorurteile sind voll in Ordnung solange wir uns darüber bewusst sind. Oder vielleicht doch nicht? «

Also nutzen wir doch einfach die Möglichkeit einmal die Gäste, die das Glück hatten an einem Freitagabend von uns beobachtet zu werden, mit unseren vorherrschenden Menschenbildern "zu verzieren" und ein paar neue Kategorien aufzumachen, in denen man denken kann. Frei nach dem Motto: Vorurteile sind voll in Ordnung solange wir uns darüber bewusst sind. Oder vielleicht doch nicht?

  1. Die Styler und Poser: Styler achten sehr auf ihr Äußeres. Sie tragen aktuell modische Kleidung und definieren sich dadurch. Styler treten meistens nicht allein auf. Sie haben oft einen oder zwei Freunde dabei, die ebenfalls Styler oder Poser sind. Poser sind die aufgepumpte Version der Styler. Die Arme müssen ab der Schulter abwärts vom Körper abstehen, da sie sonst Gefahr laufen zu schmächtig zu wirken. Natürlich dient das auch dazu ihre prächtigen Muskeln zur Schau zu stellen.
  1. Die Partygänger (eine Gruppe die wir erwartet hatten): Partygänger sind eigentlich immer in größeren Gruppen unterwegs. Meist zeichnet sich diese Gruppe dadurch aus, dass sie sehr harmonisch und gut gelaunt ist und nur eines will: Spaß haben. Die Sorte Partygänger kommt aus den Clubs, Discos oder sonstigen Partyorten der Stadt. Der Besuch im Schnellrestaurant ist meist spontan, zum Party-Warm-Up oder um den schnellen Hunger vom Tanzen, Feiern oder dem übermäßigen Alkoholkonsum zu stillen. Die Grundlage ist wichtig, damit sie nicht frühzeitig vom Vodka-Bull dahingerafft werden.
  1. Die Jugendgruppe: Burger King als Treffpunkt: Das ist das Motto unter welchem die Jugendgruppe hier abhängt. Dann geht es ziemlich lustig zu. Die Jugendgruppe ist in unserer Nacht die mit Abstand lauteste und spaßigste Gruppe. Sie essen gemeinsam, sie unterhalten sich über alles, von Pokémon bis zu den aktuellen Charts. Sie spielen sich gegenseitig Streiche und werfen Burger durch ihre Reihen. Aber warum nur? Wir vermuten aus Langeweile. Ein einfach zugängliches Fast-Food-Restaurant bietet unter ihnen den wohl perfekten Schauplatz für ihren Freitagabend, sofern sie einen Fahrer haben oder einen langen Spaziergang auf sich nehmen möchten.
  1. Die Lebensbewältiger: Eine besondere, sehr unterschiedliche Gruppe, die aber ebenso häufig das Restaurant aufsucht, wie die anderen Gruppen. Lebensbewältiger sind Personen, die oft allein oder zu zweit anwesend sind und in besonderen Lebenssituationen stecken oder etwas Besonderes erlebt haben und noch schnell etwas essen möchten. Sie machen oftmals einen sehr müden Eindruck, sind vom Schlafmangel gezeichnet oder haben ein recht ungepflegtes Äußeres. Sie achten weniger auf ihre Kleidung und halten sich meist zwischen 5 und 20 Minuten im Gastraum auf.
  1. Die Geschäftsleute: Sie kommen häufig allein, sie wirken müde z. B. von einem langen Seminar- oder Arbeitstag. Geschäftsleute wollen eigentlich nur noch nach Hause und genehmigen sich einen kurzen Zwischenstopp, um noch schnell etwas zu essen. Sie sind gut gekleidet und auch wenn das Modell und die Ausstattung ihres iPhones nicht immer dem neuesten Stand entspricht, vereint sie doch alle nur eines: Der Hunger.
  1. Der Captain: Der Captain ist eine herausragende Person. Seine Haltung kommt einem Standardtänzer gleich. Die Bügelfalten in der Hose säumen die Segelschuhe an den Füßen. Damit bei der wilden Brise auf dem Rhein die Frisur nicht über Bord geht, müssen die Haare tief ins Genick geschmiert werden. Nach der Mahlzeit geht es ab auf's Schiff die Rheinebene erkunden.
  1. Die Belegschaft: Die Belegschaft gibt sich während unseres nächtlichen Besuchs harmonisch und konzentriert. Bei Reklamationen (die selten vorkommen) gibt sich die Belegschaft kulant und immer an den Kundenwünschen orientiert. Oft in dieser Nacht fragen wir uns ob sich die Belegschaft nicht wundert, warum wir uns so lange im Restaurant aufhalten. Oder ob sie die Musik in Dauerschleife, die uns erst sehr spät auffällt, nicht nervt. Dennoch gibt es außer unseren Bestellungen und, dass um unseren Platz gewischt wird, keinen Kontakt.
  1. Das Wir: Das Wir zeichnet sich durch seine hervorragende Beobachtungsgabe aus. Es packt die Welt um sich herum in viele kleine Schubladen, um nicht schreiend vor Verzweiflung der Übermacht des Chaos zu erliegen. Von den anderen ignoriert und der Bedeutungslosigkeit ausgesetzt, sitzt es gelangweilt auf beigen Kunstledersitzen, die eine längere Nahrungsaufnahme zu einer schwitzenden Angelegenheit werden lässt. Angeödet von den Ausdünstungen der umliegenden Toiletten und den Grillstationen, versucht es zwanghaft seine Mission zu Ende zu führen. Es geht um's Überleben!

Der ganz große Sinn

Was war nun der Sinn hinter dem Ganzen? Wir würden sagen: geh' raus in die Nacht und erlebe Ludwigshafen bei Nacht. Mache deine eigenen Erfahrungen. Besuche Orte, die du normalerweise nicht besuchst. Vielleicht erlebst du ja ein paar Dinge, die dich zum nachdenken bringen können. Oder du hast einfach nur Spaß daran fremde Menschen zu beobachten. Versuche es einfach und fühle dich berufen deine Erfahrungen mit uns zu teilen. Dafür ist diese Plattform ja da.

PROTOKOLLE

Falls du noch mehr über unsere Nacht erfahren möchtest, darfst du gerne einen besonderen Blick in unsere Protokolle werfen. Hier ziehen wir nochmals Bilanz und du kannst alles bis in's Detail sehen. Die PDF-Dateien zum Download findest du hier: