Mit der Polizei auf Streife

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Verena Kautz erlebte Ludwigshafen eine Nacht lang als Beobachterin und Begleiterin auf Streife.

 

„Ich saß übrigens schon mal im Gefängnis. Wegen Totschlags.“

Nicht ohne Stolz in der Stimme platzte es aus dem Mann heraus, der den Beamten wegen seines unsicheren Ganges aufgefallen war. Die Beamten hatten ihn angesprochen ob es ihm gut gehe und es wurde sein Personalausweis verlangt. Er begann währenddessen ein Gespräch über die Möglichkeit, dass in seinem Personalausweis ein Chip sei, mit dem man ihn verfolgen könne. Um dies zu verhindern hätte er seinen Ausweis in die Mikrowelle gelegt um den Chip zu zerstören. Anschließend wurde ein Alkoholtest durchgeführt und er wurde mit Belehrungen bezüglich des alkoholisierten Zustandes seines Weges weitergeschickt. Dieses war eines von mehreren Ereignissen, denen ich auf nächtlicher Polizeistreife durch Ludwigshafen beiwohnen durfte. Nach einem Kontakt über die Pressestelle hatte ich die Erlaubnis erhalten die Beamten eine Nacht lang bei ihrer Arbeit zu begleiten. Zur Sicherheit trug ich eine schusssichere Weste.

Ereignisse bei Schichtbeginn

Wie der Zufall es wollte, wurde ein Beamter auf der Fahrt auf einen Jugendlichen aufmerksam, der schon öfter im Strafbereich auffällig war. Als er die Beamten bemerkte, die zuerst nonverbalen Kontakt zu ihm aufnahmen, flüchtete er mit seinen Freunden und seine Verfolgung wurde aufgenommen. Mehrere Ecken wurden abgefahren, an denen er sich schon einmal aufgehalten hatte. Nachdem er gestellt wurde, widersetzte er sich den Anweisungen des Beamten, da er nicht nachvollziehen konnte weswegen er kontrolliert werden sollte. Er verhielt sich in seiner Gegenwehr selbstgefährdend, so dass höchste Konzentration bei seiner Behandlung von Seiten der Beamten vorausgesetzt war. Anschließend musste er sich mit den Beamten auf der Wache auseinandersetzen.

 

Auffallen und im Mittelpunkt stehen um jeden Preis

Ich unterhielt mich mit einem weiteren Beamten auf der Wache über die Beurteilung und Beschreibung mancher Situationen, bei denen Jugendliche sich auffällig verhalten. Dabei wurde das Thema angeschnitten, dass zum Teil Straftaten oder Maßnahmen herausgefordert würden, obwohl die Betroffenen wüssten, dass sie in dem Moment zu Unrecht handeln und allgemein gefährdende Situationen herausfordern. Besonders oft kommt dies bei Gruppen von Jugendlichen mit denselben Interessen vor, den sogenannten Peergroups, die sich in dem Moment für „in“ oder „cool“ halten das Gesetz zu übertreten. Dabei erscheint es manchen Jugendlichen wichtig für eine Weile im Mittelpunkt zu stehen und sich gegenseitig zu übertrumpfen. Während des Gespräches erreichte das Revier ein Anruf, dass es in einem Hochhaus zu einer Gewaltandrohung gekommen sei. Am Tatort angekommen liefen mehrere Beamte die Treppe hoch und klärten die Situation, dabei kam es zur Festnahme der besagten Person. Die Festnahme verlief recht ruhig mit einem fast verlorenen Schuh und der Sorge um die schwangere Freundin.

 

Plauderei, die fachlich wurde

Auf den Fahrten wurde über mehrere Themen gesprochen. Von besonderem Interesse war auch die Frage, welche Unterschiede die Einsätze am Tag und in der Nacht haben. Ganz klar wurde hier die Antwort gegeben, dass mehr Betrunkene und Angeheiterte ihr Unwesen treiben und die Taten unberechenbarer und zerstörerischer seien. In diesem Zustand ist die Toleranzschwelle im Konflikt sowie das Ausführen einer Straftat viel niedriger angesetzt als im nüchternen Zustand, bei dem der ein oder andere seine potenzielle Tat noch einmal überdenkt. Zusätzlich kommen der vermeintliche Schutz der Dunkelheit und die wenig vorhandenen Zeugen im Gegensatz zum Tag hinzu. Tagsüber findet vermehrt einfache Kriminalität, wie zum Beispiel ein Ladendiebstahl statt. Durch die gegebenen Umstände der Einsätze ist ein höherer Adrenalinspiegel vorhanden, so dass ein sogenannter „toter Punkt“ weniger bis gar nicht zu überwinden ist. Ein anderes auf der Fahrt betrachtetes und interessantes Thema war die Situation „suicide by cop", welche einer der Beamten im Einsatz schon einmal erlebt hatte. Hierbei handelt es sich um eine, von dem Täter absichtlich fremdgefährdende herbeigeführte, Situation, die den Beamten dazu veranlasste ihn zu erschießen. Sehr belastend war diese Situation für alle Beteiligten. Es wurden Mechanismen eingesetzt quasi den eigenen Selbstmord ausführen zu lassen, ohne dass der Beamte in dem Moment gegen dieses Verhalten etwas unternehmen konnte.

Mitten auf der Fahrt kam eine Funkmeldung zwecks Ruhestörung im Bereich eines Wohngebietes ohne weitere Informationen. Man stellte sich auf alles Mögliche ein und traf zu mehreren am betroffenen Ort an. Dort fand man eine Ansammlung von mehreren Jugendlichen die betrunken waren und sich recht lautstark unterhielten. Sie wurden kontrolliert. Mit Belehrungen wurde die Ansammlung aufgelöst.

 

Sozialer Brennpunkt

Im weiteren Verlauf des Abends gab es einen Hinweis, dass eine der Polizei schon bekannten Person sich etwas angetan haben soll. Vor Ort fand man diese Person bereits im Krankenwagen vor, in dem ihre Schnittverletzungen, welche sie sich selbst zugefügt hatte, versorgt wurden. Während des Gespräches stellte sich heraus, dass sie betrunken und mit ihrer Situation als Mutter überfordert war. Auf weiteres Nachfragen seitens der Beamten wich sie aus, äußerte sich über die Ausweglosigkeit des schlechten Verhältnisses zu ihrem ehemaligen Lebensgefährten und dass sie keine Hilfe habe. Die Beamten empfohlen ihr vorhandene Therapiemöglichkeiten und Beratungsstellen. Sie brachte daraufhin eine Beleidigung gegen die Beamten vor, wodurch der Einsatz sofort beendet wurde.

 

Am Ende der Schicht

Da sich ein Obdachloser vor einer Gaststätte anscheinend auffällig verhielt, wurden die Beamten hinzugerufen. Es kam zu einem Gespräch über seine aktuelle Lage und er begann, über sich und seine Situation am Abend zu erzählen. Nach Anraten der Beamten, er könne die Nacht in einem Obdachlosenheim verbringen, meinte er, dass er das nicht möchte und seine Zeit lieber auf der Straße verbringt. Währenddessen näherten sich Schaulustige, die neugierig auf die Unterhaltung waren, was erfolgreich abgewehrt wurde.

 

Fazit

Alles in allem kann man sagen, dass es eine sehr interessante Nacht war, in der ich viel mitbekommen und gleichzeitig die vielfältigen Aufgaben der Beamten hautnah miterleben konnte. Diese reichen von Deeskalation, Gesprächsführung, seelsorgerische/psychologische Gespräche in entsprechenden Akutsituationen bei Tathandlungen und die Weiterleitung oder Empfehlung an andere Anlaufstellen. Ebenso zu bemerken ist natürlich die Tatsache, dass jeder Einsatz eine Gefahr für das Leben und die Gesundheit jedes einzelnen Beamten mit sich bringen kann, welche eingegangen wird und die starke Belastung dieses Berufes widerspiegelt. Im Hinblick auf die Prävention werden bereits geschädigte Personen vor weiteren Schädigungen innerhalb der Ermittlungen und vor weiteren Straftaten geschützt. Es wird ihnen zu ihrem Recht verholfen. Täter werden resozialisiert, so dass sie möglichst keine weiteren Straftaten begehen. Präsenz von Beamten zum Verhindern potenzieller Straftaten oder zur Deeskalation von Konflikten auf Veranstaltungen oder Demonstrationen ist ein Beispiel von vielen Präventionseinsätzen. Dabei können auch der Polizei bekannte Personen, die im Strafbereich auffällig waren, anwesend sein.

© Verena Kautz

Einen Dank möchte ich der Dienstgruppe und den Beamten aussprechen, die bei diesen Ereignissen dabei waren und die mir ihren Beruf und die Aufgaben durch näheres Nachfragen nahe gebracht haben.