Eine Nacht auf der Straße oder doch lieber ins „Sleep Inn“?

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Besuch bei einer Hilfeeinrichtung für obdachlose Menschen mit einer Drogenproblematik.

Ein Beitrag von Anna Gast, Katerina Passa, Laura Senftleben, Maren Stärz und Maximilian Schaum.

Diese Frage stellen sich Obdachlose jede Nacht in Ludwigshafen. Gerade im Winter bei Minustemperaturen kann sich bestimmt jeder vorstellen wie schlimm eine solche Nacht für einen Obdachlosen sein muss. Damit man einigen Obdachlosen eine sichere und warme Nacht bieten kann, gibt es die Einrichtung „Sleep Inn“, die einzige Einrichtung in Ludwigshafen speziell für obdachlose Menschen mit einer Drogenproblematik.

Wir, fünf Studierende der Hochschule Ludwigshafen, verbrachten eine Nacht in dieser Einrichtung. Doch bevor wir von dieser Nacht berichten, geben wir erst einen kurzen Einblick in die Einrichtung.

 

Die Einrichtung

Die Einrichtung „Sleep Inn“ gibt es seit 1986 und bietet Platz für insgesamt zehn männliche und weibliche Personen, die auf der Straße leben und gleichzeitig drogenabhängig sind. Das „Sleep Inn“ dient als Überlebenshilfe für die wohnungslosen Menschen und bietet ihnen Schutz sowie einen warmen Schlafplatz in der Nacht. Um 20 Uhr ist Arbeitsbeginn für zwei der insgesamt fünf Mitarbeiter des „Sleep Inns“ und somit begann nun auch unsere spannende und sehr interessante Nacht, bei der wir Vorurteile loswerden konnten, von denen wir zuvor gar nicht wussten, dass wir sie überhaupt hatten.

In der Regel bereitet eine Köchin ein warmes Abendessen zu, bis die Türen um halb neun für die Obdachlosen geöffnet werden. Es ist unbekannt wie viele Obdachlose in einer Nacht die Hilfe in Anspruch nehmen werden, denn eine Anmeldung ist nicht notwendig. Eine Regelung der Einrichtung besagt allerdings, dass die Menschen zwischen 20:30 Uhr und 23:00 Uhr vor Ort sein müssen. Danach ist keine Aufnahme mehr möglich. Wenn alle zehn freien Plätze belegt sind, können keine weiteren Obdachlosen mehr aufgenommen werden.

 

Geschichten der Obdachlosigkeit

Um Punkt 20:30 Uhr ertönt die Klingel und es kamen die ersten fünf Obdachlosen in die Einrichtung. Wir nahmen alle im Gemeinschaftsraum Platz. Während die Obdachlosen ihre warme Mahlzeit aßen, erzählten uns drei von ihnen ihre Geschichte.

So erzählte uns der 47-jährige Günther*, warum er auf der Straße landete und wie es sei auf der Straße zu leben. (Um die Privatsphäre der Menschen zu schützen, können wir nicht jedes Detail ihrer Geschichte wiedergeben.) Günther war noch nicht lange obdachlos. Seitdem er es ist, kam er jede Nacht in das „Sleep Inn“ und ist wirklich sehr dankbar, dass es eine solche Einrichtung gibt. Er erzählte uns, dass er sich auf der Straße nicht sicher fühle, da vor allem nachts die Gefahr drohe, dass man überfallen und ausgeraubt werde. Auf die Frage, wie er Ludwigshafen bei Nacht wahrnehme, antwortete er, dass die Bevölkerung Ludwigshafens das „Schlechte“ an der Stadt sei. Trotzdem halte er sich gerne in der Stadt auf.

Ebenso erzählte uns der 17-Jährige Maik* seine Geschichte. Nachdem er obdachlos wurde, kam Maik in den ersten Nächten bei Bekannten unter, doch diese Möglichkeiten waren bald ausgeschöpft. Währenddessen wurde er auf das „Sleep Inn“ aufmerksam. An dieser Stelle erklärte Maik wie wichtig dieses Angebot für ihn sei und wie dankbar er dafür sei hier jede Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben. Dennoch laufen seine Tage sehr eintönig ab und somit greift er auch jetzt noch immer wieder zu Drogen, um sich aus seiner Sorge und auch Langeweile zu retten. Trotzdem hat Maik noch Träume. Er möchte einen höheren Bildungsabschluss erreichen um sich für eine Ausbildung im KFZ-Bereich zu qualifizieren. Allerdings ist es ihm bewusst wie schwer der Weg dorthin werden kann und dass er womöglich immer wieder mit Rückschlägen rechnen muss. Dennoch ist er zumindest für diesen Abend zuversichtlich gestimmt und sagt, dass er ein paar kleine Vorsätze für 2017 bereits festgelegt habe.

Klaus* (49J.), der seit 25 Jahren das „Sleep Inn“ besucht, ist für das Angebot der Einrichtung sehr dankbar. Stark intoxikiert erzählt er, er sei seit seinem 19. Lebensjahr drogenabhängig und nehme alles, was er bekommen könne. Er ist also Polytoxikomane. Tagsüber gehe er oft zum Arzt und halte sich bei seiner Mutter auf. Zudem habe er noch einen Ein-Euro-Job und gehe ab und an zur Drogenberatung. Gegen Ende des Gesprächs zeigte sich die Wirkung der Drogen sehr deutlich. Klaus war nicht mehr fähig aufrecht am Tisch zu sitzen und war teilweise nicht ansprechbar.

 

Nachtruhe

Um halb zwölf ist Nachtruhe. Die Obdachlosen gingen in ihr frisch bezogenes Bett und verbrachten eine warme und sichere Nacht, bis es am nächsten Tag nach dem Frühstück wieder um das Überleben auf der Straße geht. Die Obdachlosen waren sehr offen und freundlich zu uns. Man hatte das Gefühl, dem ein oder anderen tat es gut einfach nur mal zu reden. Wir erlebten eine wirklich interessante Nacht und es ist toll zu sehen, dass es so eine Einrichtung gibt, die den Menschen in Not hilft.

Abschließend ist uns ein Zitat eines Mitarbeiters in Erinnerung geblieben. Er sagte: „Das „Sleep Inn“ ist wie eine große Familie. Aber auch in jeder Familie kann es zu Streitereien kommen, die am nächsten Tag wieder vergessen sind.“

Für die Obdachlosen, die im „Sleep Inn“ übernachten, sowie für alle Klienten der Drogenhilfe, gibt es die Möglichkeit sich dienstags von 20:30 Uhr bis 22:30 Uhr dort im „Offenen Bereich“ aufzuhalten und sonntags ab 16:00 Uhr für Kaffee und Kuchen. Dieses „Sonntags-Café“ ist allerdings nur im Winterhalbjahr geöffnet.

* Namen und Alter geändert